Multimorbiditaet

Multimorbidität – Wenn mehrere Krankheiten gemeinsam auftreten

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Charlotte Weidenbach

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Viele sogenannte Volkskrankheiten treten mit anderen Krankheiten gemeinsam auf. Man spricht von Multimorbidität, wenn bei einer Person mindestens zwei Erkrankungen gleichzeitig auftreten. Die meisten Menschen über 65 sind von Multimorbidität betroffen. Dabei können die Erkrankungen aus jedem Bereich der Medizin sein. Die häufigsten Erkrankungen bei Multimorbidität betreffen das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel, die Knochen und die Muskulatur sowie die Psyche.

Die Pflege von multimorbiden Patient:innen ist besonders herausfordernd. Wenn Sie einen multimorbiden Menschen zu Hause pflegen, ist die Einbeziehung unterschiedlicher medizinischer Fachrichtungen für eine gute Behandlung wichtig. Wir informieren Sie über die häufigsten Erkrankungen und die Pflege bei Multimorbidität.

Inhalt

Die Definition von Multimorbidität

Die Definition von Multimorbidität ist nicht überall einheitlich. Manche sprechen bei einem gleichzeitigen Vorliegen von zwei, manche von drei oder mehr Erkrankungen von Multi- oder Polymorbidität. Multimorbidität tritt im Alter sehr häufig auf. So leiden nahezu alle Menschen über 65 Jahren unter mindestens zwei behandlungsbedürftigen Erkrankungen.

Ein wichtiger Unterschied zur Multimorbidität ist die Komorbidität. Hier gilt eine Erkrankung als vorrangig behandlungsbedürftig (Indexkrankheit), während die weiteren als sogenannte Komorbiditäten eher zweitrangig sind. Dies hängt jedoch stark vom Blickwinkel der behandelnden Person ab. So kann zum Beispiel für Sie als pflegende:r Angehörige:r der Umgang mit der Demenz der bzw. des Betroffenen im Vordergrund stehen. Gleichzeitig sind für den behandelnden Arzt oder die behandelnde Ärztin Bluthochdruck und Osteoporose genauso behandlungsbedürftig.

Krankheiten die bei Multimorbidität oft gemeinsam auftreten

Ein wichtiges Merkmal von Multimorbidität, das in der westlichen Gesellschaft zunehmend eine Rolle spielt, ist starkes bzw. krankhaftes Übergewicht (Adipositas). Ein zu hohes Körpergewicht stellt ein Risiko für viele unterschiedliche Folgeerkrankungen dar. Deshalb führt Übergewicht bei der Mehrzahl der Betroffenen langfristig zu Multimorbidität.

Meist sind multimorbide Patient:innen von mindestens einer der folgenden Erkrankungen betroffen:

Die Symptome bei multimorbiden Patient:innen sind oft nicht eindeutig einer Erkrankung zuzuordnen. Zum Beispiel können Gelenkschmerzen bei Arthrose, aber auch bei Gicht oder Rheuma auftreten.

Die Diagnose von Multimorbidität

Multimorbidität ist selbst keine Diagnose, sondern beschreibt lediglich das gleichzeitige Vorliegen mehrerer behandlungsbedürftiger Erkrankungen. Die Hausärztin oder der Hausarzt kennt die betroffene Person in der Regel schon lange und hat den besten Überblick über die aktuellen Diagnosen. So stellt sie oder er anhand von Krankenhausbriefen beziehungsweise ambulanten ärztlichen Berichten eine Multimorbidität fest.

Die Behandlung von multimorbiden Patienten und Patientinnen

Die Behandlung von multimorbiden Patient:innen ist eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Wenn Sie eine angehörige Person mit mehreren Erkrankungen pflegen, wissen Sie, wie viele Behandler:innen, Medikamente und Hilfsmittel dabei häufig zum Einsatz kommen.

Ein wichtiges Merkmal und gleichzeitiges Problem von Multimorbidität ist die Einnahme sehr vieler Medikamente. Mediziner:innen bezeichnen das als Polypharmazie. Ein Problem bei Polypharmazie sind oft unerwünschte Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten.

Bei multimorbiden Patient:innen sind aufgrund der unterschiedlichen Erkrankungen zudem die Therapiemöglichkeiten oft eingeschränkt. Manche Medikamente, die bei bestimmten Erkrankungen wirksam sind, dürfen bei anderen Erkrankungen aufgrund von Nebenwirkungen nicht verabreicht werden. So müssen die Behandelnden in vielen Fällen schwierige Therapieentscheidungen treffen.

Auch deshalb sind fächerübergreifende Lösungen für unterschiedliche Probleme bei Multimorbidität von großer Bedeutung. Gerade bei der Behandlung multimorbider Personen ist eine gute Zusammenarbeit der einzelnen Parteien besonders wichtig. So sollte im besten Falle über den Hausarzt oder die Hausärztin ein Austausch zwischen Ärzt:innen der unterschiedlichen medizinischen Fachrichtungen (zum Beispiel Onkologie für Krebserkrankungen, Kardiologie für Herz-Kreislauf-Erkrankungen), Physiotherapeut:innen und anderen Beteiligten stattfinden.

Häufig sind die Erkrankungen bei Multimorbidität nicht heilbar. Medikamente können jedoch eine Verschlechterung oder die Entstehung von Folgeerkrankungen aufhalten. Das Leitprinzip bei multimorbiden Patient:innen ist deshalb nicht die Heilung der Erkrankungen. Stattdessen stehen die adäquate Versorgung und die Pflege im Zentrum der Behandlung.

Die Lebenserwartung von Patientinnen und Patienten mit Multimorbidität

So unterschiedlich wie die Erkrankungen bei Multimorbidität sind, so unterschiedlich ist auch die Lebenserwartung der Betroffenen. Generell kann man davon ausgehen, dass die Lebenserwartung für eine bestimmte Erkrankung durch das Hinzukommen weiterer Erkrankungen sinkt. Eine genaue Einschätzung der Lebenserwartung bei Multimorbidität ist aufgrund der komplexen Wechselwirkungen zwischen Erkrankungen, Medikamenten und vielen weiteren Faktoren meist nicht möglich.

Die Pflege von Menschen mit Multimorbidität

Um eine optimale Versorgung multimorbiden Pflegebedürftigen zu gewährleisten, ist es wichtig, einige Dinge zu beachten.

Verständnis und Information

Die Pflege von multimorbiden Patient:innen ist nicht nur besonders aufwendig. Sie erfordert auch ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden Erkrankungen, um die optimale Pflege und Versorgung sicherzustellen. Sie als pflegende:r Angehörige:r können einen wichtigen Beitrag leisten, indem Sie sich über die Erkrankungen Ihrer Patientin oder Ihres Patienten ausführlich informieren.

Arztgespräche

Weiterhin sollten Sie sich um regelmäßige Arztkontakte bei den Ärzt:innen der entsprechenden Fachrichtungen kümmern. Dabei kommt Krankenhausbriefen, Medikamentenlisten und anderen medizinischen Dokumenten, die Sie bei unterschiedlichen Untersuchungen erhalten, eine wichtige Bedeutung zu. Sie sollten diese ordentlich aufbewahren und zu Arztbesuchen oder bei Krankenhausaufnahmen vorzeigen. Als pflegende:r Angehörige:r sollten Sie außerdem darauf achten, dass die oder der Betroffene die Medikamente regelmäßig und korrekt einnimmt.

Physiotherapeutische Übungen

Abhängig von den Erkrankungen Ihrer oder Ihres Angehörigen sind außerdem beispielsweise regelmäßige physiotherapeutische Übungen oder Verbandswechsel wichtig. Mit etwas Übung können Sie diese in vielen Fällen eigenständig mit der oder dem Betroffenen durchführen. Holen Sie sich jedoch Hilfe, wenn Sie all die Aufgaben allein nicht bewältigen können. Heutzutage gibt es viele Unterstützungsmöglichkeiten für die häusliche Pflege von Angehörigen.

Alltägliche Versorgungsmaßnahmen

Neben all den Erkrankungs-spezifischen Therapien dürfen bei der Pflege von multimorbiden Personen die alltäglichen Maßnahmen nicht außer Acht gelassen werden. Achten Sie neben der Körperhygiene des Patienten bzw. der Patientin auf Abwechslung bei Liege- und Sitzpositionen sowie eine ausreichende Nährstoff- und Flüssigkeitszufuhr. Nicht zuletzt ist Ihre emotionale Fürsorge gerade bei multimorbiden Patient:innen wichtig für deren Wohlbefinden und die Lebensqualität.

Quellen:

Amboss: Grundlagen der allgemeinmedizinischen Versorgung

Deutsches Ärzteblatt: Multimorbidität: Wenn Krankheiten interagieren

Deutsches Ärzteblatt: Multimorbidität: Eine besondere Herausforderung

Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie: Abgrenzungskriterien der Geriatrie

Wissen in der Box: Multimorbidität

Multimorbidität definiert sich als das gleichzeitige Vorliegen von mindestens zwei Krankheiten, die gleichrangig behandlungsbedürftig sind.

Häufig treten Krankheiten des Alters wie Herz-Kreislauf-, neurologische sowie psychische Erkrankungen, Stoffwechsel-, Muskel-, Skelett- und Krebserkrankungen gemeinsam auf.

Alle behandelnden Ärzt:innen mit Kenntnis über sämtliche Diagnosen des bzw. der Betroffenen können eine Multimorbidität feststellen.

Multimorbide Patient:innen benötigen für verschiedene Erkrankungen unterschiedliche Medikamente, die auf mögliche Wechselwirkungen überprüft werden müssen.

Die Lebenserwartung multimorbider Patient:innen sinkt in Abhängigkeit von der Anzahl und Schwere der verschiedenen Erkrankungen.

Die Pflege multimorbider Patient:innen erfordert ein genaues Verständnis aller vorliegenden Erkrankungen und deren Besonderheiten.