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Prof. Dr. Dietrich Gröne­meyer (62) ist nicht nur Facharzt für Radiologie und Rückenexperte mit Institut in Bochum, Begründer der Mikrotherapie, Bestsellerautor und ZDF­Moderator. Sondern neuerdings noch Kinoheld: Ende letzten Jahres startete der Kinder­Animationsfilm „Der kleine Medicus“ nach seiner gleichnamigen Buchreihe in den Kinos. Lesen Sie hier online exklusiv das Interview mit dem ausgewiesenen Gesundheitsexperten, dem das Wohl der Menschen so am Herzen liegt, in voller Länge. Eine Sonderfassung ausschließlich online auf www.staging.pflegebox.de.

Dietrich Grönemeyer - Leben ist mehr!

Neues Jahr – neues Glück! Wer nimmt sich pünktlich zum Aufschlagen des druckfrischen Kalenders nicht ganz viel vor, etwa, wenn es um die Gesundheit, Fitness und Ernährung geht… Aber wie lässt sich so ein Plan dann einhalten und der „innere Schweinehund“ überwinden? Das weiß der renommierte Arzt Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer. Und legt dabei ein besonderes Augenmerk auf langfristige Prävention.

Man darf ihn als Allroundtalent bezeichnen: Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer (62) ist nicht nur Facharzt für Radiologie und Rückenexperte mit Institut in Bochum, Begründer der Mikrotherapie, Bestsellerautor und ZDF-Moderator. Sondern neuerdings noch Kinoheld: Ende letzten Jahres startete der Kinder-Animationsfilm „Der kleine Medicus“ nach seiner gleichnamigen Buchreihe in den Kinos. Nicht zuletzt das Thema Ernährung spielte in diesem Leinwandabenteuer eine Rolle. Darüber hinaus setzt sich der Arzt, dessen neues Buch „Gesundheit ist mehr!“ dieser Tage erscheint, auch sonst immer wieder für Präventionsmaßnahmen ein. Denn: Wer heute vorsorgt, hat später – in jeder Hinsicht – bedeutend bessere Chancen.

Herr Prof. Dr. Grönemeyer, viele Menschen wollen jetzt viel für Ihre Gesundheit verändern, lassen aber oft ziemlich schnell wieder nach… Wie einfach können zum Beispiel Sport und Ernährung trotzdem „nebenbei“ absolviert werden?

Seit Jahren bin ich ja nicht nur publizistisch, sondern auch mit Gesundheits-Veranstaltungen für Erwachsene und Kinder aktiv. Ganz wichtig ist bei allen Ratschlägen: Nie mit erhobenem Zeigefinger. Denn letztlich hat ja doch jeder die Verantwortung für seinen Körper und seine Gesundheit. Und jeder weiß eigentlich sehr viel über sich selbst, was ihm gut tut und was nicht. Insofern „klappt“ es langfristig mit Sport oder Bewegung und Ernährung oder Ernährungsumstellung nur, wenn jeder das aus innerer Überzeugung tut. Und es geht nicht um kurzfristige Diäten, die dann zwangsläufig in einen Rückfall ins frühere Essverhalten führen, sondern um eine langfristige Umstellung – aber so, dass Kochen und Essen Spaß macht. Genauso bei der Bewegung: Nicht der Leistungssport, kurzfristige hohe Leistungen sind sinnvoll, sondern das kontinuierliche Bewegungsverhalten: Mit Spaß die Bewegungsform ausüben, die einem jeweils zusagt. Die eine wandert gern in der Gruppe, der andere geht gern allein zum Schwimmen. Tanzen ist eine ganz wunderbare Bewegungsform für Körper, Seele und Geist, zu der ich immer wieder meinen Patienten rate.

Natürlich sollte alles in Abstimmung mit der jeweiligen körperlichen Verfassung geschehen, aber es gibt sehr viele individuell sinnvolle Wege. Vor kurzem habe ich im Rahmen meiner ZDF-Sendung „Leben ist mehr“ einen 100jährigen kennengelernt, der jetzt gerade angefangen hat mit regelmäßigem Fitnesstraining, Rudern und Laufen. Beeindruckend. Aber ein starker Körper ist auch ein Geschenk der Natur, nicht nur eine Willensentscheidung… Was man aber tun kann, ist, mit Gelassenheit und positiv leben. „Turne bis zur Urne“ ist ein Slogan, den ich immer wieder verwende. Damit meine ich: Von klein auf so viel Bewegung wie möglich, bis ins hohe Alter, jeweils abgestimmt auf die eigene Situation.

Warum ist es wichtig, dass ich heute schon nach morgen gucke?

Der Körper ist ein Wunderwerk, ein Gesamtkunstwerk. Hat wunderbare Selbstheilungskräfte. Ist aber auch anfällig für viele Krankheiten, gerade wenn das Immunsystem geschwächt ist. Und ein Beispiel: Die Bandscheiben vergessen nicht. Das heißt: Wenn ich ständig falsch hebe, den Rücken abknickte und meine Bandscheiben Jahrzehnte belaste – statt bei schweren Lasten in die Knie zu gehen und die Last mit geradem Rücken hochzuheben – werden da vermutlich irgendwann Probleme auftreten. Und wenn ich zu viel und zu fett esse, auf Jahre hinweg, wird sich dies an und in meinem Körper ausdrücken und zu Reaktionen führen. Es ist aber doch schön, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern! Und der Gedanke an die Gestaltung des eigenen Lebens hat ja immer auch den Blick nach morgen irgendwo mit im Blick…

Gehen wir dazu zwei Ihrer Themengebiete durch. Was kann ich tun, um mein Herz zu stärken?

Ich bin kein Kardiologe, sondern Rückenspezialist. Allerdings hatte ich selbst eine schwere Herzerkrankung, die ich aber zum Glück ausheilen konnte. Daher mein besonderes Interesse an der Kardiologie, und deshalb habe ich auch eine eigene Abteilung Kardiologie in meinem interdisziplinären Bochumer Institut aufgebaut. Auf jeden Fall ist Bewegung zur Vorbeugung von Herz- und Gefäß-Erkrankungen wesentlich. Bewegung hält die Gefäße elastisch, senkt Fette und schädliche Stoffwechselprodukte im Blut. Besonders gern gehe ich beispielsweise wandern: Die Bewegung beruhigt. Man bekommt viel Sauerstoff, und auch die Seele kann aufatmen. Schlecht ist dauernder, negativer Stress. Denn das Herz ist nicht nur eine „Pumpe“, es ist ein psychosomatisches Organ. Klinken Sie sich öfter mal aus, überlegen Sie: Was tut jetzt meiner Seele gut? Was tut meinem Körper gut? Und tun Sie es dann auch. Sagen Sie sich: Diese Zeit für mich selbst habe ich mir jetzt auch mal verdient.

Und an besonders hektischen Tagen, wenn Sie sich unter Druck fühlen: Setzen Sie sich in einer ruhigen Ecke hin und atmen Sie fünf Minuten ganz bewusst und zwischendurch ganz tief ein und aus. Stellen Sie sich dabei vor: Mein Brustraum ist ganz weit. Mein Herz hat viel Platz. Es schlägt leicht und ruhig. Und Thema Ernährung: Bevorzugen Sie mediterrane Ernährung. Essen Sie immer mal etwas Frisches, so dass Sie auf täglich fünfmal Obst und Gemüse kommen. Bei mir steht immer etwas bereit, zum Beispiel Ananas, die wertvolle Enzyme liefert. Essen Sie wenig tierisches Fett, nehmen Sie Pflanzenöle. Besonders Leinöl mit extra vielen mehrfach ungesättigten Fettsäuren, die das Cholesterin und die Blutfette senken und so helfen, die Gefäße zu schützen. Essen Sie dazu auch zweimal pro Woche Fisch.

Und wie schaffe ich es, bei einer Bürotätigkeit im Sitzen oder auch bei der Pflege von Angehörigen bzw. als Pflegebedürftiger meinen Rücken aufrecht zu halten?

Das ist eine interessante Frage, aber an sich mehrere Fragen. Wichtig ist in der Bürosituation die richtige Sitzhaltung, dazu gehört eine ergonomisch richtige Ausstattung und die richtige Einstellung des Rechners, damit der Rücken und Hals gerade bleibt. Gut ist es, immer wieder aufzustehen und sich zu bewegen. Darüber hinaus gibt es spezielle Rückenübungen für „Büromenschen“, die bei regelmäßiger Ausübung sehr hilfreich sind.

Die Pflege von Angehörigen wiederum kann sehr belastend sein, auch rückenbelastend. Vergessen Sie sich als Pflegender nicht selbst, versuchen Sie, durch geeignete Übungen Ihren Rücken – und auch Ihre Bauchmuskeln – gut zu trainieren. Versuchen Sie auch, von der psychischen Daueranspannung wegzukommen. Es gibt eine Reihe von Unterstützungsangeboten bei den Krankenkassen, auch bei den Kirchen. Denn, um es noch einmal zu sagen: Der Rücken ist ein psychosomatisches Organ, es drückt sich im Rücken nicht nur ein reales Leiden aus, sondern auch Trauer, Depression, Stress kann zu Rückenverkrümmungen oder einfach schlechter Haltung führen. Das auf Dauer dann möglicherweise zu einem echten Rückenleiden. Also versuchen Sie als Pflegender immer wieder der Stress-Falle zu entkommen, eine gute psychische Verfassung und damit auch eine gute Rückenhaltung zu finden.

Und vor allem viel stretchen, wie man es nach sportlichen Aktivitäten tun würde. Denn das Pflegen ist quasi Kraft- und Ausdauersport gleichzeitig. Daher müssen die Muskeln, Sehnen und Bänder der Arme, Beine, Hals, Schulter und Gelenke nach der Belastung gedehnt werden. Auch Saunagänge, warm baden oder duschen und regelmäßige Massagen helfen, Verspannungen zu lösen und wieder Wohlbefinden zu erlangen und Kraft zu tanken. Auch für den Rücken.

Verfolgt man Ihre Tätigkeiten insgesamt, fällt auf, dass Sie unermüdlich mahnen…

So möchte ich das gar nicht ausdrücken, ich verstehe mich nicht als Mahner, sondern vor allem als Motivator. Ich wünsche mir, dass jeder mehr Verantwortung für seinen Körper und seinen Geist übernimmt. Es ist bedauerlich, dass wir Erwachsenen meist viel mehr über unser Auto als über unseren Körper und unsere Gesundheit wissen. Wir können alle selbst so viel tun, um gesund und fit zu bleiben! Das ist für mich auch eine Herausforderung: Ich will begeistern für die Medizin und den Körper, den man so selbstverständlich nimmt, immer wieder ignoriert und verdrängt.

Doch dieses Wissen bedeutet auch: Verantwortung. Eigenverantwortung. Wir müssen lernen, auf unseren Körper stärker zu hören, in uns zu hören. Man darf sich nicht nur auf Hightech und „Halbgötter in Weiß“ verlassen, wenn man krank ist. Deshalb plädiere ich eben auch  seit Jahren für die Einführung eines Gesundheitsunterrichts bereits an Grundschulen, um Kindern von Klein auf das Wissen, aber auch Selbstvertrauen mitzugeben. Und dass Ärzte  und Patienten dazu kommen, sich auf wirklich auf Augenhöhe zu begegnen. Für einen positiven Gesundheitsbegriff, für eine menschliche Medizin, eine Medizin, in der nicht die Ökonomie, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht, dafür stehe ich mit meiner Arbeit als Arzt und meinen Publikationen.

Und was haben Sie sich fürs neue Jahr vorgenommen?

Bei allen Projekten noch mehr Konzentration auf das Wesentliche. In der Ruhe liegt die Kraft. Und mit Freude und Dankbarkeit jeden Tag leben.

Das Interview führte Carolina Heske

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Dietrich Grönemeyer
Gesundheit! Für eine menschliche Medizin
Verlag Herder
ISBN 978-3-451-31259-5
Neuerscheinung 

FOTOS: © Grönemeyer Medizin, Verlag Herder