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Im Mittelpunkt der Pflege müssen wieder wir Menschen stehen – ein Interview mit Brigitte Bührlen

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Brigitte Bührlen | © WIR! Stiftung

Für die laufende Legislaturperiode hat die Bundesregierung mehr Unterstützung nicht nur für Pflegebedürftige, sondern auch für deren Angehörige versprochen. Doch greifen das seit Januar 2015 gültige Pflegestärkungsgesetz I und das Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf (siehe Seite 8) schon weit genug? Darüber sprachen wir mit Brigitte Bührlen von der „WIR! Stiftung pflegender Angehöriger“. Bedingt durch die Demenzerkrankung ihrer Mutter, die sie erst sieben Jahre zu Hause betreute und danach 13 Jahre in Heimen begleitete, erlebte Brigitte Bührlen hautnah, was Pflege bedeutet. Und erfuhr schnell, dass ohne eigenes Engagement kaum etwas voran geht. So war sie u. a. im Vorstand der Alzheimergesellschaft München e.V. aktiv und leitete dort den Angehörigenclub, arbeitete als Hospizhelferin, fährt als Beiratsmitglied eines Nachbarschaftshilfe-Vereins „Essen auf Rädern“ aus und ist im Arbeitskreis „Forum Pflege aktuell“ tätig. Zudem gründete sie 2010 in der bayerischen Landeshauptstadt die „WIR! Stiftung pflegender Angehöriger“ – und setzt seither als „mahnende Stimme“ auf unzähligen Fachkongressen und Tagungen deutliche Akzente.

Frau Bührlen, wird Ihre Stiftung bei so vielen politischen Versprechungen bald arbeitslos?

Nein, das glaube ich nicht! Zum Glück erlaubt der Stiftungszweck viele Betätigungsvarianten. Was die politischen Versprechungen betrifft: Sie müssen sich in der Realität als praxistauglich erweisen. Da habe ich doch meine Zweifel. Gesetze zur Pflege, die ohne maßgebliche Beteiligung und ohne die Einbeziehung der Erfahrungskompetenz von pflegenden Angehörigen erstellt werden, sind in der Gefahr, an deren Lebensrealität vorbeizugehen.

Liest man bei Politikern zwischen den Zeilen, entsteht oft der Eindruck, dass Angehörige eher als „Notnagel“ für den Fachkräftemangel herhalten sollen – oder ist das eine Fehlinterpretation?

Ja und nein. Politiker denken nicht selten vor allem ökonomisch. Einerseits werden Angehörige als diejenigen gesehen, die weitgehend ehrenamtlich alle die Arbeiten ausführen, die von professionellen Pflegekräften aus verschiedenen personellen und finanziellen, aber auch aus formalen Gründen nicht geleistet werden können.
Andererseits ist es nur natürlich, dass wir uns als Angehörige um unsere Nächsten kümmern und professionelle Pflege nur ergänzend in Anspruch nehmen. Wir kümmern uns ja in der Regel gerne umeinander und setzen uns gerne füreinander ein.

Wo sind die Lücken in den gültigen Gesetzen: Was muss für pflegende Angehörige verbessert werden?

Pflegende Angehörige müssen selbst für sich sprechen können. Ihre Erfahrungen und Bedürfnisse müssen bei allen inhaltlichen und politischen Entscheidungen mit einbezogen werden. Pflegende Angehörige dürfen nicht weiterhin automatisch Ressource von Politik- und Sozialsystemen sein. Sie dürfen wirtschaftlich nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Wer Angehörige über Jahre gepflegt hat, darf selbst kein Opfer von Altersarmut werden. Beruf und Pflege muss gendergerecht vereinbart werden können.

Und was können privat Pflegende tun, um für sich selbst zu sorgen?

Pflegende Angehörige sollten den Kontakt zu anderen Angehörigen in ihrem Umfeld suchen, sich austauschen und vor Ort Selbsthilfestrukturen bilden. Sie sollten sich ihrer ganzheitlichen empathischen Kompetenz bewusst werden und sich mit ihren Erfahrungen und ihren Bedürfnissen in ihrem Sozialraum einbringen. Sie sollten professionelle Hilfe und Beratung zur eigenen Entlastung in Anspruch nehmen. Pflegende Angehörige haben das Recht auf die Verwirklichung eigener Lebensvorstellungen!

Ihr Fazit: Haben pflegende Angehörige inzwischen trotzdem so etwas wie eine Lobby?

Ja, wenn man unter Lobby versteht, dass Organisationen „für“ und „über“ pflegende Angehörige sprechen, forschen oder Projekte generieren. Nein, wenn man unter Lobby versteht, dass pflegende Angehörige selbst für sich sprechen. Bislang haben Angehörige sich noch nicht als Gruppe entdeckt, sie haben für sich selbst noch keine Lobby gebildet. Die Stiftung will Mut machen, das Gemeinsame zu entdecken, zu stärken und Forderungen selbstbewusst in die Gesellschaft einzubringen.

Ihre Stiftung hat zuletzt das Buch „Wie wollen wir pflegen und gepflegt werden?“ herausgegeben. Wie lautet die Quintessenz zu beiden Punkten?

Das deutsche Pflegesystem ist so komplex und undurchschaubar, dass Menschen, die mit einer Pflegesituation konfrontiert werden, oft hilflos und ohnmächtig vor dieser Herausforderung stehen. Es sind strukturelle, prozessuale und finanzielle Veränderungen bzw. Verbesserungen notwendig, um eine unseren Vorstellungen und Erwartungen entsprechende gute Pflege leisten und erhalten zu können Im Mittelpunkt der Pflege müssen wieder wir Menschen stehen, es geht um uns!

Das Interview führte Carolina Heske

Mehr Informationen zur „WIR! Stiftung pflegender Angehöriger“ finden Sie unter www.wir-stiftung.org